Ich hatte mich zum Stadtspaziergang „Mit allen Sinnen sehen“ angemeldet – organisiert von der Dissertandin Julieta Jacobi. Gemeinsam mit Mitgliedern des Blinden- und Sehbehindertenverbands Salzburg lud sie dazu ein „die Sinne zu schärfen, die gewohnte visuelle Perspektive zu hinterfragen und die Umgebung auf neue Weise zu erleben“.
Und so trifft sich ein interessiertes Grüppchen an einem heißen Dienstag-Vormittag im Juni am Residenzplatz. Die nächsten zwei Stunden werden wir – begleitet von blinden und sehbeeinträchtigten Guides – durch die Stadt gehen und mit Dunkelbrille und Blindenstock in die Rollen einer blinden und einer sehenden Begleitperson schlüpfen. Schon bei der Einführung durch unsere Begleiter:innen Josef, Evelyn, Peter und Roland gibt es einige Aha-Momente: Wie hält und bewegt man den Stock richtig? Welche Tipps gibt’s zur Orientierung? Ist Einhaken oder an der Hand nehmen zum Richtung weisen überhaupt sinnvoll?
Kurz darauf geht es los, und ich merke, wie sehr ich bereits als sehende Begleitperson gefordert bin. Wieviel Information ist nötig, was ist vielleicht verwirrend? Kann meine Partnerin etwas damit anfangen, wenn ich sage: „da vorne kommt gleich“ oder „in ein paar Schritten merkst du“ oder „die Stufe ist nicht recht hoch“? Wie viel lasse ich sie selber erproben, wie sehr greife ich ein? Wie navigieren wir möglichst kollisionsfrei durch die Touristenströme?
Am Kapitelplatz tauschen wir die Rollen. Nun bin ich mit Dunkelbrille und Blindenstock unterwegs und versuche mich zu orientieren. Mein Gefühl für Distanzen habe ich völlig verloren. Dass wir in Richtung Sankt Peter gehen, erkenne ich am Duft von frischem Brot und am Plätschern des Mühlrades. Wo der Rest der Gruppe ist, kann ich schwer lokalisieren. Immer wieder taste ich nach meiner Umgebung, um festzustellen, wie nah jemand oder etwas ist. Wir gehen durch den Friedhof. Wie weit sind wir schon? Warum ist es so schwierig gerade zu gehen? Weshalb lenkt mich das laute Glockengeläut so ab? In der Kirche St. Peter ist es hingegen angenehm ruhig, kühl und erholsam.
Zum Abschluss tauschen wir unsere Eindrücke aus und können Fragen an unsere Guides stellen. Wir sind dankbar für diese Erfahrung, die wir gut begleitet und in geschütztem Rahmen machen durften. Doch wie würde es uns auf uns allein gestellt gehen? Oder in einer unbekannten Umgebung?
Auf die Frage, was ihren Alltag erleichtern würde, müssen Josef, Evelyn, Peter und Roland nicht lange überlegen: mehr Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme, weniger ins Handy schauen und auch mal aktiv Hilfe anbieten. Klingt doch gar nicht so kompliziert, oder…?
Autorin: Monika Pink, die VielfaltsAgentin, www.monika.pink
Dieser Artikel erscheint als Vielfaltskolumne in der Salzburger Straßenzeitung Apropos im August 2026